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Donnerstag, 19. April 2018

Absturz mit Ansage

Dem viertgrößten Klub der Niederlande, TWENTE ENSCHEDE, droht der Abstieg. Die Krise hat ihre Ursachen in der Meisterschaft 2010.

Die Hoffnung lebt. Das 2:0 gegen Zwolle war der erste Sieg im Jahr 2018. Dennoch bleibt der FC Twente das Schlusslicht in der Eredivisie. Doch Stefan Thesker gibt sich und die Mannschaft noch nicht auf: "Wir haben gezeigt, dass wir es noch können. Wir sind noch da." Dennoch weiß auch der deutsche Kapitän natürlich: "Wir sind abhängig von den anderen." Die ganze Saison sei schon sehr schwierig gewesen, so der Ex-Hoffenheimer: "Wir hatten nie eine Phase, in der wir mal in zwei oder drei Spielen gepunktet haben."

Aber wie konnte es so weit kommen, dass der viertgrößte Klub der Niederlande vor dem Abstieg steht? Ein Klub, der 1975 sogar im UEFA-Cup-Finale stand und gegen Borussia Mönchengladbach verlor (0:0/1:5), ein Klub, der lange Zeit fast im ganzen Land große Sympathien genoss, dem nun aber die Mehrheit der niederländischen Fans den Abstieg "gönnt". Für die Ursachenforschung muss man acht Jahre zurückgehen. Twentes Niedergang ist ein Absturz mit Ansage, der nun lediglich seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht hat.

Eine Hauptrolle in dem Drama um den Klub aus Enschede spielt Joop Munsterman. Er wurde 2004 Präsident und hatte ehrgeizige Pläne. Die der Medien-Unternehmer auch umsetzte. 2010 wurde Twente erstmals Meister, als einziger Klub neben AZ Alkmaar, der die Dominanz der großen drei -Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam - in den vergangenen 53 Jahren brechen konnte. Twente war oben und sollte, koste es, was es wolle, dort auch bleiben. Ein neues Stadion wurde gebaut, teure Spieler wurden geholt - Einnahmen aus regelmäßigen Teilnahmen an der Champions League wurden einkalkuliert, die dann jedoch nicht kamen. Um trotz immer prekärerer Finanzlage dennoch weiter um den Titel mitzuspielen, ging die Klubführung eine dubiose Kooperation mit Doyen Sports aus Malta ein. Die Investorengruppe erhielt Transferrechte an Spielern und nahm direkten Einfluss auf Entscheidungen im Klub. Beides verstieß gegen Verbandsregeln. Hinzu kamen wiederholte Verstöße gegen Lizenzauflagen - Twente war schon im Juni 2014 unter Aufsicht der Lizenzkommission gestellt worden. Munsterman ging 2015, doch die Betrügereien mit verschleierten Zahlungen setzten sich fort, flogen schließlich auf und führten im Juni 2016 zum Lizenz-
entzug für den mit geschätzt rund 80 Millionen Euro verschuldeten Klub. Ein Gnadenakt des Verbandes sowie Darlehen (17 Mio. Euro) und Bürgschaften (8,4 Mio. Euro) der Gemeinde Enschede sowie von privater Seite wendeten den Zwangsabstieg in letzter Minute doch noch ab. Spätestens seitdem hat Twente allerdings sämtliche Sympathien der Neutralen verspielt.

Ein harter Sparkurs war die Folge, der jedoch weniger das Profiteam als vielmehr die Infrastruktur betraf: So wurden unter anderem die lange vorbildliche Nachwuchsabteilung und das Scouting-System finanziell beschnitten. Gerade da gibt es seit mehr als 20 Jahren enge Verbindungen ins deutsche Grenzgebiet. Twente war und ist Ausbildungsklub für spätere Profis wie Simon Cziommer (Karriere beendet), Peter Niemeyer (jetzt Darmstadt), Nils Röseler (Venlo), Thilo Leugers (Meppen), Tim Hölscher (Deventer) und auch Thesker. Ein deutsches Gymnasium hatte einen Kooperationsvertrag mit den Twente-Lehrlingen. Und selbst unter den im Schnitt 25 000 Zuschauern (der vierthöchste Wert der Liga) befinden sich viele Deutsche.

Doch ob sie auch im nächsten Jahr Erstliga-Fußball sehen, ist höchst fraglich. Denn vor dieser Saison kamen mehrere Faktoren zusammen. Sportdirektor Ted van Leeuwen ging, der trotz Finanzknappheit clever auf dem Transfermarkt agiert hatte. Seinen Nachfolgern fehlte dieses Händchen. "Eigentlich ist es schade, dass ausgerechnet die derzeitige Führung, die wirklich versucht, wieder sauber zu arbeiten und Schulden abzubauen, nun die Quittung für alle früheren Entwicklungen bekommt, weil sie jetzt sportlich danebengegriffen hat", sagt der bei Twente groß gewordene Cziommer. Denn tatsächlich ist der Klub trotz Schuldenlast finanziell deutlich stärker als die Konkurrenz im Tabellenkeller (Jahresumsatz von fast 30 Mio. Euro im Vergleich zu 11 Mio. Euro bei Sparta Rotterdam und Roda Kerkrade) und die Mannschaft personell deutlich stärker besetzt als die Rivalen in der Abstiegszone. Doch Cziommer weiß: "Es wurden Fehler gemacht in der Zusammenstellung des Kaders und vielleicht auch bei Entscheidungen in Richtung Trainer. Es fehlte an Ruhe im Klub und auch etwas am Know-how bei den Transfers." Deshalb besteht das aktuelle Team vor allem aus Spielern, die Abstiegskampf nicht können.

Das musste auch Gertjan Verbeek (Ex-Bochum und -Nürnberg) erkennen, der zwischen Oktober 2017 und März 2018 als Trainer Nummer zwei nach René Hake vergeblich versuchte, aus dem Team mehr herauszuholen. Stattdessen geht er nun in die Geschichte als erfolglosester Twente-Coach aller Zeiten ein: In 18 Spielen holte er nur einen Sieg und ließ durchblicken, dass das Binnenklima der Mannschaft nicht stimmt. Profis wie Oussama Assaidi (ehemals Liverpool) und Adam Maher (Leihgabe von PSV) können sicher mehr als sie zeigen. Dieses Potenzial abzurufen und den Klassenerhalt in den letzten zwei Spielen noch zu sichern, ist nun Aufgabe von Trainer Nummer drei, Mario Pusic.

Mindestens einer in Deutschland zittert bis zum Schluss: "Der Klub ist eine Herzensangelegenheit für mich. Es ist schon fünf nach zwölf", sagt Ex-Twente-Profi Niemeyer, der analysiert: "Man hat alles auf die Karte des kurzfristigen Erfolges gesetzt. Und die Meisterschaft fanden ja auch alle geil. Aber man hat nicht an Nachhaltigkeit für den Verein gedacht." Das rächt sich jetzt.