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Donnerstag, 19. April 2018

Es bleiben Fragen

Grauzonen, schwache Kommunikation und falsche Übersetzung: Der HALBZEIT-ELFMETER in Mainz schreit nach Konsequenzen.

Das gab es noch nie. Ein Elfmeter nach dem Halbzeitpfiff. Der große Aufreger beim Abstiegsduell zwischen Mainz und Freiburg. Schiedsrichter Guido Winkmann nimmt ein strafwürdiges Handspiel kurz vor Pausenbeginn nicht wahr und geht mit den Akteuren Richtung Katakomben. Nach Intervention der Videoassistentin Bibiana Steinhaus schaut sich Winkmann die Szene in der Review Area noch mal an und entscheidet auf Strafstoß. Den verwandelt Pablo De Blasis, nachdem der Großteil der Freiburger Spieler wieder aus der Kabine auf das Spielfeld hatte zurückkehren müssen. Absurd. Danach stand ein möglicher Protest der Freiburger im Raum, die aber am Mittwoch erklärten, "nach reiflicher Überlegung keinen Einspruch gegen die Spielwertung einzulegen". Also Schwamm drüber? Von wegen! Es bleiben Unklarheiten und ein fader Beigeschmack wegen der Kommunikation des DFB.

Waralles mit rechten Dingen zugegangen? Das International Football Association Board (IFAB) hat für den Video Assistant Referee (VAR) Vorgaben festgelegt, die nicht öffentlich und damit kein offizieller Bestandteil der Regeln sind. In dieser Bundesliga-Saison befindet sich der VAR-Einsatz ja noch in der Testphase. Nun sehen die VAR-Regeln in Punkt 8.13 vor, dass ein VAR auch nach dem Halbzeit- oder Schlusspfiff noch eingreifen kann, um auf eine irreguläre Situation hinzuweisen, die während des Spiels stattfand und nachträglich noch korrigiert werden kann. Der Schiedsrichter darf zum Zeitpunkt der VAR-Intervention das Spielfeld jedoch noch nicht verlassen haben.

Wie lief die Kommunikation im Schiedsrichter-Team ab? Am Dienstag erklärte VAR-Projektleiter und Schiedsrichterboss Lutz Michael Fröhlich unter Verweis auf den Ton- und Bildmitschnitt aus dem Video-Assist-Center Köln, dass "Steinhaus mit Winkmann Kontakt aufnahm, bevor dieser das Spielfeld verließ. Der Vorgang war regelkonform". Aber hat Winkmann den Kontakt wahrgenommen, bevor er die Seitenlinie überschritt? Eher nein. Die Videobilder zeigen Winkmann, wie er entspannten Schrittes vom Feld läuft und sich mit Freiburgs Pascal Stenzel unterhält. Erst außerhalb der Spielfeldbegrenzungen trifft er auf seinen Assistenten, hält inne und wird aktiv. Nach kicker-Recherchen hat Winkmann den Funkspruch von Steinhaus zuvor schlicht nicht gehört. Warum wurde dieses Kommunikationsproblem nicht eingeräumt? Das kritisiert der SC: "Gerade mit dem zeitlichen Abstand von einem Tag hätten wir uns diesbezüglich eine transparente, präzise und damit nachvollziehbare Erläuterung des DFB gewünscht."

Wie genau ist das "Spielfeld" definiert? Handelt es sich dabei nur um den Raum innerhalb der Seiten- und Torauslinien, oder gehört der sich darum befindliche Bereich dazu? Aktuell gelten nur die weißen Begrenzungen. Der Geist des Spiels legt jedoch eine weichere Definition nahe, schließlich steht ein einwerfender Spieler zwar außerhalb der Linie, aber nach dem Verständnis vieler auf dem Spielfeld. Auch ein Schiedsrichter in der Review-Area befindet sich neben der Seitenlinie. Die Debatte um diese Definition ist auch für das IFAB ein Präzedenzfall, weshalb das Regelgremium den Wortlaut anpassen und damit das Spielfeld erweitern möchte.

Gibt es bei Verstößen des VAR aktuell eine Einspruchsmöglichkeit? Das erscheint - unabhängig vom Fall in Mainz - fraglich. Es fehlt eine eindeutige und transparente Regelgrundlage. So erklärte Winkmann nach dem Spiel, dass ein Eingreifen des VAR laut DFB in einer vergleichbaren Situation nach dem Schlusspfiff nicht mehr möglich gewesen wäre. Wieso gibt es diese Diskrepanz zu den VAR-Regeln des IFAB? Das liegt an einer Formulierungsungenauigkeit in der allgemeinen Spielregel 5 durch die Verwendung des englischen Verbs "terminate", das "abbrechen", aber auch "beenden" bedeutet. Während das IFAB damit einen "Spielabbruch" meint, steht in der deutschen Übersetzung "Spielende". IFAB-Geschäftsführer Lukas Brud erklärte dem kicker: "Hier haben wir durch das Spiel Mainz gegen Freiburg gemerkt, dass unsere Regel nicht eindeutig ist. Das wollen wir verbessern."

Wie geht es mit dem VAR weiter? "Die Bundesliga darf kein Experimentierfeld sein, der Einsatz des VAR und seine Rahmenbedingungen kein rechtsfreier Raum", appelliert der SCF. Zur nächsten Saison wird der VAR in der Bundesliga fest eingeführt, dessen Regeln verankert das IFAB im offiziellen Regelkanon. Wohl erst dann kann man Transparenz und im Falle eines Regelverstoßes eine eindeutige Grundlage erwarten. Vor allem die Kommunikation von VAR-Entscheidungen an die Zuschauer im Stadion und vor dem TV müssen IFAB und DFB dringend verbessern. Bei der WM in Russland ist immerhin der Einsatz von Textbausteinen auf den Arena-Leinwänden geplant, die die Entscheidungen erklären sollen. In der Causa Winkmann in Mainz hätten ein schnelles Einblenden des Video-Assist-Symbols auf den Anzeigetafeln plus eine Durchsage à la
"die Schiedsrichter bemühen den Videobeweis" einige Aufregung verhindert.