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Sonntag, 22. April 2018

Im Roten Bereich

Es rumort in LEIPZIG. Die Dissonanzen werden immer deutlicher. Die Kritik von Ralf Rangnick verschärft sich. Trifft sie am Ende Ralph Hasenhüttl?

Heile Fußballwelt vermittelten in Leipzig am Wochenende nur die Fans. Am Samstag, als sie in der Red-Bull-Arena die von Hoffenheim schwer gerupfte RB-Mannschaft in den Schlussminuten demonstrativ feierten und nach dem Abpfiff hochleben ließen. Und am Sonntag, als rund 80 Anhänger singend zum Trainingsplatz marschierten und Handshakes mit den Profis und ihrem Trainer Ralph Hasenhüttl suchten. Hinter den Türen des Leistungszentrums am Cottaweg aber herrschte nach dem vierten sieglosen Pflichtspiel in Serie eine alles andere als gute Atmosphäre. Die Stimmung ist vielmehr im roten Bereich angekommen, die seit Monaten schwelenden Dissonanzen auf der Führungsebene traten am Wochenende erstmals offen zutage.

Denn Ralf Rangnicks Bestandsaufnahme nach der vermutlich verspielten Qualifikation für die Champions League geriet zu einer grundsätzlichen Manöverkritik. Und seine Aussage, man werde die seit Wochen blockierten Vertragsverhandlungen mit dem Coach erst mal aussetzen, klang wie ein Misstrauensvotum. "Wir werden die Gespräche unmittelbar nach dem Saisonende aufnehmen und dann auch die Saison analysieren", sagte Rangnick. Planen die RB-Bosse um den Sportdirektor und Geschäftsführer Oliver Mintzlaff schon die Zukunft ohne den noch bis 2019 gebundenen Coach?

"Ich spüre innerhalb des Vereins sehr viel Vertrauen", entgegnet Hasenhüttl am Sonntagnachmittag, "man sollte unsere Arbeit nicht über die letzten zwei Wochen definieren, sondern über die letzten zwei Jahre. Da haben wir immer wieder Lösungsansätze für Probleme gefunden. Und das werden wir auch jetzt wieder versuchen." Die neue Entwicklung ändere nichts an seinem Standpunkt, bekräftigt er: "Ich habe signalisiert, dass ich gerne hier Trainer bin und - wenn der Verein es wünscht - hier auch gerne länger Trainer bleiben würde. Daran hat sich nichts geändert. Der Verein muss entscheiden, in welche Richtung es gehen soll."

Die Richtung, in die es zuletzt auf dem Platz ging, missfällt jedenfalls Rangnick. "Was mir und den Spielern im Moment am meisten Sorgen macht, ist die Gegentorflut und die vielen Chancen, die wir zulassen", sagte er mit dem Hinweis auf die deftigen Pleiten gegen Leverkusen (1:4), Marseille und Hoffenheim (je 2:5). Er verband diese Bemerkung mit einem klaren Auftrag für die letzten drei Saisonspiele: "Der Schlüssel ist, dass wir als Mannschaft wieder so verteidigen, dass der Gegner nicht ständig zu so vielen klaren Torchancen kommen kann. Das hat uns über die gesamten Jahre hinweg ausgezeichnet, und da müssen wir wieder hinkommen." Rangnicks Einschätzung lässt sich statistisch belegen. In der furiosen Premierensaison in der Bundesliga betrug der Gegentor-Durchschnitt 1,14, in den ersten 13 Spielen der laufenden Runde lag er bei 1,15. In den letzten 18 Partien aber ist diese Zahl auf 1,77 hochgeschnellt.

Rangnicks Worte sind eine Kritik an der grundsätzlichen Ausrichtung. Schon am Ende der Hinrunde hatte er in einem Interview bemängelt, das Team habe "nicht mehr das gespielt, was unsere DNA auszeichnet". Die war auch in der Rückrunde nach dem Geschmack der Verantwortlichen nur selten zu sehen, etwa bei den Europa-League-Sternstunden in Neapel und St. Petersburg sowie beim historischen ersten Sieg über den FC Bayern. Demgegenüber standen viele einfallslose und passive Auftritte. "Wir müssen schauen, dass wir den Turnaround in unserem Spiel kriegen. Am Ende geht das Ganze nur wieder über das Erarbeiten der Dinge, die uns stark machen", so Rangnick. Mit anderen Worten: Der Boss fordert die Rückkehr zu jenem Hochgeschwindigkeitsfußball, den er beim Amtsantritt 2012 als Grundphilosophie ausgab und als Zweitliga-Meis-tertrainer umsetzte. Und mit dem auch Hasenhüttl durchstartete.

Hasenhüttl sagt, er werte Rangnicks Worte nicht als Mahnung: "Ich glaube nicht, dass dies als Kritik am Trainerteam gedacht war, sondern dass es ein Aufruf an alle war, dass es nur gemeinsam geht." Die Gegentorflut habe "weniger mit dem System zu tun als mit der Mentalität, sich mit dem allerletzten Einsatz reinzuwerfen". Und die Hauptursache dafür sei in dem Mammutprogramm zu finden, dem der schlanke und durch Langzeitverletzungen ausgedünnte Kader ausgesetzt sei. "Wir können die Rahmenbedingungen nicht wegdiskutieren. Viele Spieler machen erstmals in ihrer Karriere über 40 Spiele", sagt Hasenhüttl, der richtigerweise in Erinnerung ruft, dass die aktuelle Platzierung in Verbindung mit dem internationalen Abschneiden die zu Saisonbeginn gestellten Vorgaben erfülle: "Das Jahr war sehr wichtig für uns. Wenn wir uns für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, war es auch ein sehr gutes Jahr." Ob das aber auch wieder zu einer heilen Fußballwelt bei RB führen würde, ist seit Samstag fraglicher denn je.